Was wird aus Zappelphilipp oder dem Hanns Guck-in-die-Luft?

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Forscher sehen engen Zusammenhang zwischen psychischen Auffälligkeiten in Kindheit oder Jugend sowie späterer psychischer Gesundheit und Lebensqualität

Psychische Auffälligkeiten beeinflussen die Entwicklungsmöglichkeiten von Kindern und Jugendlichen und können sich bis ins Erwachsenenalter hinein auswirken. Zu diesem Ergebnis kommt eine gemeinsame Studie der Abteilung für Epidemiologie und Gesundheitsmonitoring am Robert-Koch-Institut (RKI) und des Department of Psychiatry der University of Cambridge, Großbritannien. Das Forschungsteam begleitete hierfür 3.546 Kinder und Jugendliche im Alter von 11 bis 17 Jahren über einen Zeitraum von elf Jahren bis in das junge Erwachsenenalter. Am Ende der Untersuchung gelangten die Wissenschaftler zu der Erkenntnis, dass ein enger Zusammenhang zwischen psychischen Auffälligkeiten in Kindheit oder Jugend sowie der späteren psychischen Gesundheit, der Lebenszufriedenheit und Lebensqualität, dem Bildungserfolg, dem Gesundheitsverhalten sowie der sexuellen und reproduktiven Gesundheit von Menschen besteht.

Demnach beginnt über die Hälfte aller psychischen Störungen, die im Erwachsenenalter diagnostiziert werden, bereits in Kindheit und Jugend. Wie das RKI dazu anmerkt, können jedoch nicht nur früh diagnostizierte psychische Störungen zu späteren psychischen Problemen führen. Auch Kinder und Jugendliche mit Symptomen, welche die Kriterien für die Diagnose einer psychischen Störung nicht vollständig erfüllen, haben nach Einschätzung der Wissenschaftler ein erhöhtes Risiko für eine Beeinträchtigung der psychischen Gesundheit im Erwachsenenalter. 

Psychische Auffälligkeiten bei Kindern beschrieb schon Mitte des 19. Jahrhunderts der Frankfurter Arzt und Psychiater Heinrich Hoffmann in seinem bekannten Bilderbuch vom Struwwelpeter. Darin legen etwa der Zappelphilipp und teilweise auch der Hanns Guck-in-die-Luft Verhaltensweisen an den Tag, die von der modernen Psychologie bzw. Psychiatrie den Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörungen (ADHS) zugerechnet werden. Von diesen Verhaltensproblemen weiß man inzwischen, dass sie bei vielen der entsprechend diagnostizierten Kinder bis in die Adoleszenz und weiter ins Erwachsenenalter fortbestehen können. Die Rede ist hierbei von mindestens einem Drittel der bekannten Fälle.

Andere Verhaltensauffälligkeiten bei Kindern und Jugendlichen können neben ADHS Angststörungen sein, ferner sogenannte aggressiv-dissoziale Probleme sowie depressive Störungen.

Nachwirkungen bis ins Erwachsenenalter

Wie das RKI erläutert, geht aus bisherigen internationalen Studien hervor, dass sich sogenannte internalisierende und externalisierende, also nach innen oder nach außen gerichtete Auffälligkeiten in Kindheit und Jugend, im Erwachsenenalter unterschiedlich auf die psychische Gesundheit, die Lebensqualität sowie den Schul- bzw. Bildungserfolg von Menschen auswirken können. Zu den internalisierenden psychischen Auffälligkeiten im Kindes- und Jugendalter zählt die Wissenschaft ganz allgemein Probleme des Erlebens und Verhaltens: wie etwa Ängstlichkeit, Schüchternheit, Niedergeschlagenheit, Grübeln, sich häufiges Sorgen, aber auch häufiges Weinen sowie soziale Schwierigkeiten im Umgang mit Freunden und anderen Gleichaltrigen. Die eher nach außen gerichteten auffälligen Verhaltensweisen äußern sich beispielsweise in motorischer Unruhe, in starker Ablenkbarkeit und Aufmerksamkeitsproblemen, in häufigem Unterbrechen und Stören anderer oder in aggressivem, dissozialem Verhalten sowie regelbrechendem Verhalten. Solche externalisierenden Auffälligkeiten können sogar bis hin zu Straffälligkeit gehen. 

Laut der RKI-Studie weisen Kinder mit internalisierenden Auffälligkeiten auch im Erwachsenenalter häufiger Symptome von Ängstlichkeit oder Depressivität sowie eine eingeschränkte gesundheitsbezogene Lebensqualität auf. Dagegen haben Kinder und Jugendliche mit externalisierenden Auffälligkeiten oft einen geringeren Bildungserfolg als ihre nicht betroffenen Altersgenossen und unterliegen einem höheren Risiko, später psychoaktive Substanzen zu konsumieren. Ferner stellten die Wissenschaftler fest, dass Studienteilnehmer, die als Kinder oder Jugendliche internalisierende Auffälligkeiten erkennen ließen, als junge Erwachsene im Alter bis 31 Jahre eine geringere allgemeine Lebenszufriedenheit und eine geringere körperliche und psychische Lebensqualität besaßen. Bei ihnen waren zudem eine im Durchschnitt schlechtere allgemeine psychische Gesundheit, mehr depressive Symptomatik und eine höhere Wahrscheinlichkeit für Essstörungssymptome festzustellen.

Bei Kindern und Jugendlichen mit externalisierenden Auffälligkeiten fanden die Forscher eine Verbindung mit einer schlechteren allgemeinen psychischen Gesundheit, mehr depressiven Symptomen und einer erhöhten Wahrscheinlichkeit für Essstörungssymptome im jungen Erwachsenenalter. Diesen Menschen sind demnach ebenfalls eine signifikant geringere allgemeine Lebenszufriedenheit und eine geringere körperliche Lebensqualität im jungen Erwachsenenalter zu eigen. Mit der psychischen Lebensqualität fanden die Studienautoren keine signifikanten Zusammenhänge. Allerdings ließen diese Studienteilnehmer im jungen Erwachsenenalter eine höhere Wahrscheinlichkeit für einen niedrigeren Bildungsstatus erkennen sowie dafür, zu rauchen. 

Frühe Prävention und Behandlung wichtig

Zusammenfassend stellen die Forscher als Essenz ihrer Studie einen engen Zusammenhang zwischen sowohl internalisierenden als auch externalisierenden psychischen Auffälligkeiten in Kindheit oder Jugend mit der späteren psychischen Gesundheit, Lebenszufriedenheit und Lebensqualität sowie der sexuellen Gesundheit und Fortpflanzung her. Externalisierende Auffälligkeiten korrelieren demnach außerdem mit einem geringeren Bildungserfolg und einer erhöhten Wahrscheinlichkeit, im Erwachsenenalter zu rauchen. Psychische Auffälligkeiten in Kindheit oder Jugend könnten somit die Aussichten auf ein gesundes und sozial erfolgreiches Leben zum Teil erheblich beeinträchtigen, warnen die Verfasser der Studie. Sie leiten daher aus den Ergebnissen dieser Analysen die Notwendigkeit früher Prävention und Behandlung von psychischen Auffälligkeiten in Kindheit oder Jugend ab – um so die vielfältigen Risiken für die Betroffenen im Erwachsenenalter abzumildern.

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