Vom Irrenhaus zur Heilanstalt

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250 Jahre Psychiatrie-Geschichte im Krankenhaus-Museum Bremen

Was ist verrückt? Diese zentrale Frage zieht sich durch 250 Jahre Psychiatriegeschichte, die im Krankenhaus-Museum Bremen aufgearbeitet wird. Dabei umfasst die ständige Ausstellung die Historie Bremer Psychiatrie von den Anfängen bis ins 20. Jahrhundert. In dem Museum sind rund 60.000 Akten archiviert. Deren älteste stammt aus dem Jahr 1851. Anhand dieser Unterlagen wird von Patienten, Ärzten, Pflegenden und Angehörigen erzählt. Zudem veranschaulichen historische Behandlungsgeräte die jeweiligen Therapieformen und -ansätze ihrer Zeit. Ein eigenes Kapitel ist der Psychiatrie im Nationalsozialismus gewidmet. Das Bremer Archiv gilt als eine der größten und vollständigsten Sammlungen historischer Patientenakten aus der Psychiatrie.

Die Ausstellungsräume des Krankenhaus-Museums in einem denkmalgeschützten Hofgebäude einer alten psychiatrischen Anstalt inmitten eines historischen Parks im Bremer Stadtteil Osterholz atmen schon rein äußerlich Geschichte. Auch wenn der Komplex heute insgesamt freundlicher wirkt als auf Fotos, welche die Heilanstalt während ihrer früheren Betriebszeit zeigen. Bei dem Park- und Gebäudeensemble handelt es sich um das ehemalige, 1904 eröffnete „St. Jürgen-Asyl für Geistes- und Nervenkranke“. Der Komplex wurde 2004 als überregional bedeutsames Kulturdenkmal unter Schutz gestellt.

65.000 Krankenakten

Das wirklich Besondere an diesem Museum ist jedoch die Sammlung von rund 65.000 Krankenakten, welche Einblick in die Lebensgeschichten der früheren Patienten der alten psychiatrischen Anstalt geben. Dieses Archiv spiegelt ebenfalls die Art und Weise wider, wie mit den psychisch Kranken in Bremen umgegangen wurde. Aber auch der Arbeit und den Arbeitsbedingungen des Personals der alten Heilanstalt sowie den Behandlungsmethoden widmet sich das Museum. Es zeigt Bücher und psychiatrische Zeitschriften, unter anderem aus der Ärztebibliothek des St. Jürgen-Asyls, ferner Fotografien, Dias und Filme sowie Möbel und Einrichtungsgegenstände der psychiatrischen Klinik. Außerdem veranschaulichen historische Behandlungsgeräte die Entwicklung der Therapieformen. 

Irrenanstalt, Zwangsjacke, zum Teil grausame „Behandlungsmethoden“: Die Geschichte der Psychiatrie ist auch eine Enzyklopädie menschlichen Leids und Elends. Wer außerhalb der gesellschaftlich tolerierten Normen lebte, landete jahrhundertelang im Handumdrehen in einem „Tollhaus“ oder einer sogenannten Heilanstalt. Dort mussten die „Irren“, zu denen gleichermaßen Depressive sowie Diebe, Prostituierte und Nicht-Sesshafte zählten, aber auch politisch missliebige und anderweitig auffällige Personen, vielfach qualvolle und erniedrigende „Therapien“ über sich ergehen lassen. Damit sollten die Insassen dieser Einrichtungen „wieder zur Vernunft gebracht“ werden.

In Bremen setzte die Nervenheilanstalt, die sich selbst als autonom bezeichnete, auch auf Beschäftigung der Patienten. Diese arbeiteten mit in der Landwirtschaft des St. Jürgen-Asyls, in der Tierhaltung, in der Wäscherei oder in den Werkstätten. Auf diese Weise war die Einrichtung selbstständig und unabhängig. Die Ausstellung präsentiert zahlreiche Exponate, die in Betrieben der Anstalt hergestellt wurden.

Erneuerung der Psychiatrie

Dem dunklen Kapitel der Psychiatrie im Nationalsozialismus widmet das Krankenhaus-Museum Bremen einen eigenen Abschnitt. Eine Wanderausstellung mit dem Titel „entwertet – ausgegrenzt – getötet. Medizinverbrechen an Kindern im Nationalsozialismus“ behandelt etwa die Kinder-Euthanasie im „Dritten Reich“ und den damaligen gesellschaftlichen Umgang mit den Verbrechen. Rund zwanzig Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs sorgte dann ein reformoffenes gesellschaftliches Klima für eine Erneuerung der Psychiatrie. Bei dieser Revision standen weniger fachliche Innovationen im Vordergrund. Vielmehr ging es um das Ende der Diskriminierung psychisch Kranker und um die Enttabuisierung seelischer Erkrankungen. 

Mit diesem Ziel wurde 1971 vom Deutschen Bundestag die „Psychiatrie-Enquete“ eingesetzt. Diese Kommission sollte bis 1973 Material über die psychiatrische Versorgung in Deutschland zusammentragen, die „menschenunwürdigen Unterbringungsbedingungen in den psychiatrischen Krankenhäusern“ dokumentieren sowie Lösungsvorschläge zur Weiterentwicklung der Versorgungsmöglichkeiten und Behandlungsformen erarbeiten. Ob die Enquete-Kommission dabei auch auf das Archiv bzw. Exponate der ehemaligen Bremer Psychiatrie zurückgegriffen hat, ist nicht überliefert. Einen höchst informativen Einblick in 250 Jahre Psychiatriegeschichte gewinnt man in dem Museum jedoch allemal.

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