Stigma „Psycho“

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Allgemeinheit kennt noch zu wenig über psychische Erkrankungen

Das Angebot an Ratgebern für psychische Gesundheit ist schier unüberschaubar groß und wächst ständig weiter. Stress, Burn-out, Depressionen, Ängste – in den Medien haben Berichte über psychische Störungen und Anleitungen für das seelische Wohlbefinden Konjunktur.

Da sollte man meinen, dass psychisch erkrankte Menschen inzwischen auf mehr Verständnis in ihrer Umgebung und in der Gesellschaft allgemein treffen. Schließlich wurden auch gerade im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie psychische Probleme immer wieder thematisiert. Doch die Vorurteile gegen Personen mit psychischen Erkrankungen und ihre Stigmatisierung nehmen allen Aufklärungskampagnen und „Psychobüchern“ zum Trotz anscheinend immer noch nicht ausreichend ab.

Das hat nicht zuletzt damit zu tun, dass psychische Erkrankungen Angst machen, erläutern Experten wie der Psychiater, Psychotherapeut und Theologe Dr. med. Dipl. theol. Manfred Lütz. Knochenbrüche und Diabetes kennen die Menschen, erklärt Lütz. „Aber ‚Psycho‘, das macht Angst, weil man es nicht kennt.“ Dabei haben doch viele in ihrem persönlichen Umfeld einen demenzkranken alten Menschen, einen suchtkranken Angehörigen oder eine magersüchtige Verwandte. 

„Es gibt keine Familie, in der es keine psychischen Krankheiten gibt,“ stellt auch der Psychiater Prof. Dr. Georg Schomerus von der Universitätsmedizin Greifswald fest. Laut dem Gesundheitsmonitoring des Robert Koch-Instituts (RKI) erfüllt bundesweit mehr als jeder vierte Erwachsene im Zeitraum eines Jahres die Kriterien einer psychischen Erkrankung. Zu den häufigsten Krankheitsbildern zählen demnach Angststörungen, Depressionen und Störungen durch Alkohol- oder Medikamentengebrauch. Betroffen davon sind nach den Erhebungen des RKI knapp 18 Millionen Menschen. Aufgrund ihrer weiten Verbreitung in der Bevölkerung bescheinigt das RKI diesen Krankheitsbildern „große Public-Health-Relevanz“.

Immer noch verbreitetes Tabuthema

Wenn dem so ist, wenn also tatsächlich die meisten Menschen einmal im Leben eine diagnostizierbare psychische Störung entwickeln, wie wissenschaftliche Studien besagen, dann stellt sich die Frage, warum diese Kranken immer noch viel zu häufig stigmatisiert werden? Denn auch wenn sich Prominente aus Gesellschaft und Sport, Politik und Wirtschaft inzwischen offener zu ihren Erfahrungen etwa mit Burn-out oder Depressionen äußern und bekennen, gelten psychische Störungen in breiten Schichten der Bevölkerung doch nach wie vor als Tabuthema. „In Milieus jenseits der bürgerlichen Mitte ist es noch sehr schwer, über das eigene Erleben zu sprechen“, berichtet Psychiater Georg Schomerus im Gespräch mit der „Zeit“ von eigenen Forschungsergebnissen. Jemand, der die ganze Woche auf Montage sei und dem es nicht gut gehe, dem fehlten vielleicht dafür die richtigen Worte, erklärt der Facharzt. In einer solchen Umgebung passen demnach Modebegriffe wie Burn-out, Trigger oder Trauma nicht so gut, die anderswo geläufiger sind.

Hinzu kommt, dass seelische Probleme oft mit Schwäche gleichgestellt werden. „So ein Weichei“, heißt es nur allzu häufig. Ganz wichtig auch: Bei etlichen Menschen gelten psychische Krankheiten nach wie vor als Schande. Da herrschen nicht selten immer noch mittelalterliche Vorstellungen über psychisch Erkrankte vor, wie Lütz notiert. Und zu wenige wissen, dass solche Leiden heilbar sind, stellt der Facharzt fest. Er bemängelt, dass sich psychische Krankheiten immer noch im Schatten der Gesellschaft abspielen würden. Deshalb beherrschten nach wie vor Gerüchte, Vorurteile und Fake-News die öffentliche Meinung, moniert Lütz. Das verbaue vielen Betroffenen den Weg zur rettenden Behandlung, bedauert er.

Andererseits werden psychische Krankheiten mit der Zunahme an Fällen auch mehr enttabuisiert. Denn man nimmt diese Erkrankungen mehr und mehr als Problem wahr und es wird auch mehr darüber geredet, stellt etwa der Vorstandsvorsitzende des Münchner Pioniers in der Präzisionspsychiatrie HMNC Brain Health, Benedikt von Braunmühl, fest. Das Unternehmen ist auf die Entwicklung innovativer, personalisierter Therapien gegen Depressionen und andere neuropsychiatrische Erkrankungen spezialisiert. 

Prominente outen sich

Die Menschen teilten inzwischen mehr ihre persönlichen Erfahrungen mit psychischen Krankheiten, dadurch werde da viel enttabuisiert, erläutert von Braunmühl in einem Interview mit der Academic Society for Mental Health. „Viele Leute merken ebenfalls, dass andere, auch Prominente wie Schauspieler und Sportler, darüber reden und sich outen“, berichtet der Experte. Dabei verweist er darauf, dass selbst Spieler im American Football mit seelischen Problemen an die Öffentlichkeit gehen. „Diese großen Kleiderschränke und Depression, früher völlig unvorstellbar“, verdeutlicht von Braunmühl. Doch unterdessen werde selbst in dieser sehr männlichkeitsbetonten Sportwelt immer mehr akzeptiert, auch über Schwächen zu reden. 

„Aber was für eine Welle in dieser Hinsicht auf uns zurollt, das ist, glaube ich, noch sehr wenigen bewusst“, warnt der HMNC-Chef. Denn mit den – wenn auch erst noch zaghaften – Fortschritten bei der Entstigmatisierung psychischer Leiden wird zugleich die ganze Dimension deutlicher, die diese Erkrankungen nicht nur für die Betroffenen und ihre Familien, sondern auch für die Gesellschaft insgesamt haben. Schließlich bedeutet psychische Gesundheit nicht allein für jeden Menschen eine wesentliche Voraussetzung für Lebensqualität, Leistungsfähigkeit und soziale Teilhabe. 

Beeinträchtigungen der psychischen Gesundheit hingegen führen vielfach zu erheblichen individuellen und gesellschaftlichen Folgen – mit schwerwiegenden Einschränkungen im sozialen und beruflichen Leben, die auch erhebliche volkswirtschaftliche Auswirkungen haben. So registriert etwa die DAK in ihren „Psychoreports“ einen rasanten Anstieg der Arbeitsausfälle aufgrund psychischer Erkrankungen. Diese Leiden sind demnach nicht nur die zweithäufigste Ursache für Krankheitstage im Beruf, sie sind auch der häufigste Grund für Frühverrentungen. Und es sei zu erwarten, dass die direkten und indirekten Kosten, die dadurch entstehen, in Zukunft noch weiter ansteigen werden, prognostiziert die Krankenkasse.

Insofern, da sind sich die Fachleute einig, kann eine fortschreitende Enttabuisierung des Themenkreises psychisches Wohlbefinden bzw. psychische Leiden nur helfen, dass diese Probleme in der Gesellschaft verstärkt offen und wertfrei besprochen werden. Denn dann „trauen“ sich voraussichtlich auch mehr Menschen, bei seelischen Beeinträchtigungen rechtzeitig fachmännische Hilfe zu suchen. Und die Fortschritte in der Behandlung von Burn-Outs, Angst, Depressionen etc. zeigen ja, dass niemand daran ein Leben lang leiden muss.

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