Burn-out – jetzt auch offiziell eine Krankheit

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Die Zahl der Betroffenen wächst stetig

Burn-out – anfangs belächelt als Modekrankheit für Manager oder als Ausrede für Drückeberger – ist auf dem Wege, sich zu einer regelrechten Volkskrankheit zu entwickeln. Bereits im Jahr 2018 ergab eine Umfrage der Krankenkasse Pronova BKK unter Arbeitnehmern, dass sich rund 50 Prozent der Befragten von Burn-out bedroht fühlen. Zahlen der AOK untermauern die subjektive Wahrnehmung. Die Krankenkasse zählte 2019 durchschnittlich 5,9 Arbeitsunfähigkeitsfälle je 1.000 Mitglieder aufgrund einer Burn-out-Diagnose. Damit hat sich die Diagnosehäufigkeit innerhalb eines Jahrzehnts beinahe verdoppelt.

Noch um einiges stärker hat die Anzahl der bei der AOK registrierten Krankheitstage aufgrund von Burn-out zugenommen: Während im Jahr 2005 noch 13,9 Tage auf 1.000 Mitglieder kamen, waren es im Jahr 2019 sage und schreibe 129,8 Krankheitstage. Das Statistische Bundesamt hat diese Zahlen hochgerechnet auf alle gesetzlich krankenversicherten Beschäftigten in Deutschland und kommt so für 2019 auf rund 185.000 Burn-out-Betroffene mit insgesamt 4,3 Millionen Krankheitstagen. 

Man kann also davon ausgehen, dass mittlerweile die meisten Menschen eine Vorstellung von dem Phänomen haben und es ernst nehmen. Da verwundert es, dass die medizinische Diagnose „Burn-out“ bis vor Kurzem offiziell noch gar nicht existierte. Erst Anfang 2022 hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) den Begriff in ihre Liste aller gängigen Erkrankungen und Gesundheitsprobleme aufgenommen und damit als psychische Krankheit anerkannt, bei der Betroffene medizinische Hilfe benötigen.

Drei Symptome für die Diagnose Burn-out 

Nach der neuen WHO-Definition handelt es sich beim Burn-out um „chronischen Stress am Arbeitsplatz, der nicht erfolgreich verarbeitet wird“. Zur Diagnose dienen drei Symptome, die oft oder immer zusammen auftreten und wahrscheinlich dieselbe Ursache haben: 

  • Erschöpfung und Müdigkeit: Die Betroffenen fühlen sich ausgelaugt, überfordert und antriebslos, sind oft müde und niedergeschlagen. Dies kann einhergehen mit körperlichen Beschwerden, wie Schlafstörungen, unspezifischen Schmerzen und Magen-Darm-Problemen.
  • Entfremdung von der Arbeit: Betroffene erleben ihre Arbeit zunehmend als belastend und frustrierend. Sie entwickeln eine Distanz bis hin zu einer zynischen Haltung gegenüber ihren Arbeitsbedingungen und Kollegen. Sie stumpfen gegenüber ihren beruflichen Aufgaben ab und sind demotiviert.
  • Verringerte berufliche Leistungsfähigkeit: Die alltägliche Leistung im Beruf leidet, weil die Betroffenen unkonzentriert und lustlos sind und keine Kreativität mehr entwickeln können.

Die WHO-Definition schafft nun für Betroffene, ebenso wie für Mediziner, mehr Klarheit. Denn mangels einer klaren Beschreibung der Krankheit, wurden Patienten mit Burn-out-Symptomen bisher häufig wegen Depressionen krankgeschrieben und auch aufgrund dieser Diagnose behandelt. Die Diagnose „Depression“ liegt nahe, da sich einige Symptome von Depression und Burn-out überschneiden. So sind beiden Krankheiten Gefühle von Niedergeschlagenheit, Antriebslosigkeit und chronischer Erschöpfung zu eigen. Aber es gibt auch gravierende Unterschiede. So sind ausgebrannte Menschen ständig gereizt, depressive normalerweise nicht. Typisch für Depressionen sind ein vermindertes Selbstwertgefühl, Hoffnungslosigkeit und Suizidgedanken, die beim Burn-out üblicherweise nicht auftreten. Burn-out ist also nicht gleich Depression. Allerdings können Burn-out-Beschwerden das Risiko erhöhen, eine Depression zu entwickeln.

Die Aufnahme des Burn-out in die WHO-Liste der Krankheiten könnte nun auch den Weg ebnen, diesen in Deutschland als Berufskrankheit anzuerkennen – eine Forderung, die Gewerkschaften schon länger erheben. Denn erst durch die Anerkennung einer Erkrankung als Berufskrankheit, können Betroffene Leistungen aus der Unfallversicherung beziehen – etwa die Übernahme von Kosten für Heilbehandlung, Rehabilitation oder Berufsberatung. Ab einer Minderung der Erwerbsfähigkeit von 20 Prozent bekommen Menschen mit anerkannter Berufserkrankung zudem eine Rente. 

Nicht nur berufliche Ursachen

Bei allen positiven Auswirkungen der WHO-Entscheidung: Aus medizinischen Fachkreisen gibt es auch Kritik. Vor allem die Festlegung der Diagnose auf berufliche Zusammenhänge ist manchen viel zu eng gefasst. Viele Menschen haben dies gerade in der Corona-Krise gespürt. Berufstätige Eltern, die einer beanspruchenden Arbeit nachgehen und gleichzeitig zu Hause Kinder betreuen müssen, fühlen sich einem erheblichen Stress ausgesetzt. Dabei lässt sich der berufliche und der familiäre Stress nicht fein säuberlich voneinander trennen. Ein Burn-out muss also nicht primär am beruflichen Stress liegen. Die Krankheit kann sogar komplett abseits der Erwerbsarbeit auftreten. Ein Beispiel dafür sind pflegende Angehörige. Bei diesen kommen als Ursachen für ein Ausbrennen zu der rein arbeitsmäßigen Belastung die psychische und moralische Last hinzu, die mit der Pflege von gebrechlichen Vätern und Müttern oft einhergeht. 

Daran schließt ein weiterer Kritikpunkt von Medizinern an. Die WHO-Definition „chronischer Stress am Arbeitsplatz“ ist eher schwammig formuliert und legt nahe, dass die Betroffenen nur vom Arbeitsaufkommen überfordert sind. Aber wie das Beispiel der pflegenden Angehörigen zeigt, spielen auch andere Faktoren mit in das Krankheitsbild rein. In der Arbeitswelt sind es nicht selten Mitarbeiter aus dem mittleren Management, die betroffen sind. Hier kommt eine hohe Arbeitsbelastung häufig zusammen mit großer Verantwortung bei gleichzeitig geringen Gestaltungsspielräumen, Druck von oben und unten und mangelnde Anerkennung. Besonders idealistisch veranlagte Personen, die sich stark für die Sache engagieren, sind in solchen Konstellationen Burn-out-gefährdet.

Das Klischee einer reinen Manager-Krankheit hat der Burn-out jedoch noch nie erfüllt. Geprägt wurde der Begriff in den 1970er-Jahren vom US-amerikanischen Psychotherapeuten Herbert Freudenberger. Er beschrieb damit die Folgen starker Belastungen und zugleich hoher Ideale bei Ärzten und Pflegekräften. An deren Situation hat sich in Deutschland bekanntermaßen seitdem nichts verbessert.

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